Auslaufmodell Eve-teasing
Ein Verbrechen erschüttert den Subkontinent. Die besondere Grausamkeit hebt es über den indischen Alltag hinaus, aber der wahre Sprengstoff liegt darin, dass es dann doch indischer Alltag ist. Und selbst wenn es nicht zur Vergewaltigung kommt, der Umgang von Männern mit Frauen in Indien ist häufig von Gewalt und Einschüchterung begleitet. In der traditionellen indischen Gesellschaft hatten Frauen schon immer ein schlechter Los: als Mädchen die Bürde der Familie, als Ehefrau der Schwiegermutter untergeordnet und dem Ehemann ausgeliefert, den man womöglich erst in der ersten Hochzeitsnacht richtig kennen lernte. Und wenn der Mann starb, “durfte” die Frau dann oft gleich mit in den Tod gehen. Das war das Los der Privilegierten – als Unberührbare war Missbrauch oft Teil des Lebens und manchmal Prostitution das Schicksal (missbrauchte Frauen waren natürlich nicht mehr “heiratswürdig”). Das System hat bis in das 20. Jahrhundert “funktioniert” – bis durch den Kontakt mit westlichen Gesellschaften und deren Umbrüche erste Risse auftauchten. Aber so lange nur die Männer im Ausland studierten und die gut bezahlten Jobs innehatten, wurde die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau wenig hinterfragt. Doch ab den 80er Jahren gab es eine Entwicklung, die wenig beachtet aber doch große Auswirkungen auf die Gesellschaft hat: die gut gebildeten Männer mit Auslandserfahrung brechen mit der Tradition, ihre Töchter mit 14 zu verheiraten – und schicken sie statt dessen auf Universitäten. Um so mehr man mit Gesellschaften zu tun hat, wo die Gleichberechtigung von Mann und Frau selbstverständlich ist, desto seltsamer müssen dann einem die indischen Verhältnisse vorkommen. Und so wurden die Töchter selbstbewusst erzogen mit der Aussicht, zumindest Mitspracherecht bei der Berufswahl und beim Ehepartner zu haben. Diese gebildeten jungen Frauen versuchen schon seit den 2000er Jahren aktiv über Politik und Medien das bisherige Frauenbild Indiens zu überarbeiten – doch sprachen sie meist nur gleichaltrige an. Für die “Alten” war das frech, respektlos, rebellisch und arrogant. Die häufigen Übergriffe auf Frauen wurden zumeist als Resultat des korrupten Polizeiapparates gesehen, nicht als gesellschaftliches Problem. Doch dann kam die Tat von Delhi, die das Fass zum überlaufen brachte: die Jungen demonstrierten und die Alten waren entsetzt. Und respektierte Männer demontierten sich mit aberwitzigen Erklärungen und Aussagen, die das Ausmaß des Problems noch viel besser aufzeigen, als die Tat selber. Wie so oft findet sich der Ursprung in den gesellschaftlichen “Modernisierungsschmerzen” des Subkontinents. Während Teilen der Bevölkerung (oft mit längeren Auslandsaufenthalten) Freiheit und Selbstbestimmung nicht weit genug gehen können, möchten andere zurück in die “gute alte Zeit”. Nur so konnten BJP, RSS und Shiv Sena in den letzten Jahrzehnten einen so dramatischen Aufstieg erleben – während sich die Ansichten über die wirtschaftliche Modernisierung unterschieden, teilten sie doch alle das Idealbild der indischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts: Kastenwesen, Unterdrückung der Frau und absoluter Gehorsam gegenüber Älteren. Bisher waren die jungen und gebildeten eher unpolitisch und in sich uneinig – das hat sich zumindest in diesem Fall geändert. Nun fragt eine sehr laute Stimme nach der Rechtmäßigkeit der “alten Werte” und die Verantwortung der Politik für eine gerechte Gesellschaft – und findet eine zustimmende Mehrheit. Die oft sehr konservativ eingestellten Politiker, die mit ernst gemeinten Lösungen á la “Frauen sollten abends zu Hause sein und nicht woanders” ein durchweg mangelndes Verständnis für die Situation aufzeigen, sind das erste Ziel des Protests. Aber das eigentlich Ziel sind die jungen Männer aus solch konservativen Verhältnissen, deren sexuelle Frustration (in breiten Gesellschaftskreisen ist Sex vor der Ehe immer noch undenkbar), oft gepaart mit übermässigem Alkoholkonsum, sie oft zu tickenden Zeitbomben macht. Dann wird nur noch ein Grund gesucht, warum eine Frau “es verdient hat” – “falsche” Bekleidung, “falsche” Geste, “falsche” Uhrzeit, “falscher” Ort – und am besten noch aus niederer Kaste kommt und es kommt zum berüchtigten “eve-teasing” (was von vielen indischen Männern als “Spiel” betrachtet wird, aber aus westlicher Sicht eindeutig sexuelle Belästigung ist) oder sogar zur Vergewaltigung. Auch Bollywood hat hier seinen geschmacklosen Beitrag geliefert, in dem oft in Filmen kolportiert wurde, dass Frauen “das so wollen”, weil sie ja eigentlich heimlich in den “Held” verliebt sind und es grundsätzlich toll finden, auf diese Weise “Aufmerksamkeit” zu bekommen…und dann kommt der nächste Teil der fatalen Kette: die indische Polizei, auch nicht gerade gut (aus)gebildet und eher traditionell eingestellt, die in einem sexuellen Übergriff oft nur eine “Bestrafung” der Frau (aus Gründern wie “falsche” Bekleidung etc.) und damit keinen Handlungsbedarf sieht. Das Problem der “sexuell geladenen” jungen Männer wird in Indien von Konservativen als “nicht zu änderndes Übel” und “Teil der männlichen Entwicklung” gesehen, auf das sich die anderen gefälligst einzustellen haben – z. B. die Frauen, in dem sie möglichst das Haus nicht verlassen. Das ist so, als ob man bei uns sagen würde “es ist leider nicht zu ändern, das junge Menschen besoffen nach der Disco Auto fahren, also sollen gefälligst alle anderen vermeiden, an Freitagen und Samstagen abends Auto zu fahren oder sich an Strassen aufzuhalten. Wer dann von einem besoffenen Fahranfänger tot gefahren wird, hat halt selber Schuld – der Fahränfanger kann nicht anders, das macht man halt so mit 18. Ist zwar nicht erlaubt, aber so sind sie halt, die jungen Leute!” Und dieses oft praktizierte In-Schutz-nehmen der Täter macht die Protestierenden von Delhi so wütend…nur wie bei allen gesellschaftlichen Veränderungen wird es trotz des jetzt endlich erfolgten “Anschubs” noch Jahrzehnte dauern, bis es in allen gesellschaftlichen Schichten angekommen ist. Es wäre aber schon viel erreicht, wenn wenigstens die indische Exekutive in sexuellen Übergriffen nicht mehr Kavaliersdelikte sieht und das Opfer nicht mehr beweisen muss, dass es den Angriff nicht provoziert hat. Und damit auch in die Dörfer trägt, dass bei einem sexuellen Übergriff der Mann die Schuld trägt und nicht die Frau. Wobei in diesem Fall schon der Gerechtigkeit genüge getan wäre, wenn wenigstens die richtigen Täter gefasst wurden – leider hat die indische Polizeit den Ruf, aus Angst vor Übergriffen und Protesten bei “gemütserregenden” Verbrechen gerne mal irgendwelche Obdachlose zu verhaften und Geständnisse zu erpressen, um schnell den Fall zum Abschluss zu bringen.
Nach vielen Meldungen, die sich nur um das Verbrechen an sich drehten, findet sich im Tagesspiegel nun auch ein Artikel, der die gesellschaftlichen Dimensionen erfasst und die täglichen Übergriffe auf Frauen in Indien beschreibt: